ZUL007 - Lizenz zum Rudern Drucken
Geschrieben von: Jörg Haußer   


Auslage im doppelten Sinn: Deko im Schaufenster eines Fachgeschäfts für Herrenbekleidung in London beim Covent Garden

Ohne Bootsnummer geht gar nichts mehr auf der Themse. Jedes Ruderboot, egal woher, muss vor einer Themsefahrt, auch wenn's nur für eine Regatta ist, registriert werden. Der URCD bekommt als Herkunftszeichen ZUL zugewiesen – Z bedeutet Ausland. Die dreistellige Zahlenfolge danach darf man sich selbst aussuchen. 001, das nimmt jeder. Aber bei einer Zahl mit zwei Nullen davor – da war doch schon mal eine – klar, 007 musste es sein. Und so trägt der resolut-Achter ab sofort die Themse-Bootsnummer ZUL007.

Das Head of the River Race auf der Themse in London mit Gezeiten, dem Tideway, mit 420 Achtern – das ist einfach ein besonderes Rennen. Wer einmal dabei war, ist fasziniert von diesem Rennen über 6,8 km. Nach der Enttäuschung von 2004, als das Rennen kurz vor dem Start abgesagt wurde, wollte der resolut-Achter es noch mal wissen.

Mit dem Verweis auf das fortgeschrittene Alter der resolut-Mannschaft hatte der Regattaleiter die online-Meldung zunächst abgelehnt und eine Teilnahme beim Veterans' Head am Sonntag desselben Wochenendes nahegelegt. Kein Startplatz – kein Meldegeld, so wurde um eine baldige Rückzahlung des Meldegeldes gebeten. Am Tag darauf kam das Angebot für einen Last-Minute-Startplatz, das umgehend angenommen wurde.

Eine Schnellumfrage ergab, dass nur sechs resolut-Altersruderer das Abenteuer London jetzt noch mitmachen wollten. Also wurde der Achter aufgefüllt durch unsere deutschen Hochschulmeister im Doppelzweier Johannes Kirsten und Tobias Knörgen.

Ein Start beim Stuttgarter Stadtachter um die Cannstatter Kanne als Trainingshöhepunkt davor lag diesmal besonders nahe, weil der Stuttgart-Cannstatter Ruderclub den Bootstransport mit 6 Achtern übernehmen würde, so dass der resolut-Achter einfach auf den Cannstatter Hänger verladen wurde.

Das "Reisebüro" Grimmeiß hatte bei Flug und Hotel nach Kritik an den letzmaligen Anbietern ("will nicht mit Ryan Air fliegen", "will kein Mini-Zimmer, wo man vom Klo aus alles erreichen kann") ein gutes, dafür auch teureres Hotel in West Kensington und den Flug mit British Airways von Stuttgart nach Heathrow gebucht. Alles schien gut, doch dann kam einen Tag vor dem Abflug Hektik auf, weil bei British Airways ab dem Tag des Rennens das Kabinenpersonal in den Streik treten sollte. Nach hektischen Mail-Verkehr und hektischen Telefonaten konnte auf den einzig verbliebenen Frühflug als Rückflug am Sonntag, den 28.3. nach Stuttgart umgebucht werden.

Ein unvergessliches Erlebnis bot nach Ankunft in Heathrow die Fahrt zum Hotel mit der Piccadilly-Line der U-Bahn. Ein Fahrgast hatte sich einen Ulmer als Ziel seiner Avancen ausgesucht. Es war nicht klar, ob es mehr ein spastischer Anfall war, die versteckte Kamera im Einsatz war oder es sich nur um einen Spinner handelte. Der Typ legte auch Teile seiner Kleidung ab und rieb sich unter Schmatzgeräuschen schnell die Hände. Auch die Rolle eines Menschenfressers hätte man ihm abgenommen. Dann kam unerwartet die U-Bahn-Technik als Rettung. Bei der nächsten Station "Heathrow Terminals 1,2,3" wurden alle Fahrgäste gebeten, den Zug zu verlassen wegen eines Defektes am Zug. Sofort begab sich die URCD-Gruppe zum anderen Ende des Bahnsteiges, um möglichst viel Platz zwischen sich und den Händereiber zu bringen.

Eines der Wahrzeichen von London: die Towerbridge von 1894

Ein Ausflug in die Stadt mit der Travelcard für U-Bahn und Busse zu Oxford Street, Tower Bridge, Tower, Covent Garden, Trafalgar Sqare und Whitehall mit Downing Street ließ dieses Erlebnis vergessen, über das wir zunächst nicht so lachen konnten, später dafür umso mehr. Es wurde zum "Running Gag".

Am Donnerstag Abend und Freitag Morgen trafen die restlichen Gruppen ein, am Freitag Mittag auch noch der Cannstatter Hänger beim Quintin Boat Club direkt oberhalb der Chiswick Bridge beim Start des Heads. Hier und beim Nachbarclub legen beim Boat Race Oxford und Cambridge nach dem Rennen an zur Siegerehrung.

Das Wetter bietet beim Aufriggern an diesem Freitag neben leicht böigen Winden auch immer wieder kurze Regenschauer. Achter rudern am Bootshaus vorbei und werden ihrem Ruf gerecht: wo deutsche Weicheier längst ihre Wärmeschutzkleidung herausholen, haben diese Ruderer nur den Einteiler an.

Nachdem schon in Ulm die Fahrtregelung zum Head inklusive Steuervideo ausgiebig studiert worden waren, geht der resolut-Achter eingermaßen regelsicher aufs Wasser, damit Steuerfrau Katharina Mandel die Regattastrecke mit all ihren Besonderheiten kennenlernen kann: immer in Flussmitte geht's durch die Chiswick Bridge, dann die Barnes Railway Bridge, vorbei an der kleinen Insel und weiter zur Hammersmith Bridge. Nach Harrods Warehouse und Fulham Football Stadium geht die Fahrt vorbei an den großen Themse Rudervereinen zum Ziel bei der Putney Bridge – insgesamt 6,8 km.

Von der Hammersmith Bridge bis zum Stadion hat der Wind stehende Wellen aufgetürmt, die schon wieder ans Jahr 2004 erinnern, doch am nächsten Tag zeigt sich zum Rennen das Wetter von einer ordentlichen Seite. Während die einzelnen Startsektionen auf der Middlesex- und der Surrey-Seite sich langsam flussaufwärts zum Start schieben, macht ein kurzer, starker Schauer nochmal alle Ruderer nass, doch danach bleibt alles trocken.


Bootshaus des Quintin Boat Clubs oberhalb der Chiswick Bridge an der Themse

Der resolut-Achter hat die Startnummer 221 d.h. die Nummer 222 bewegt sich mit uns zum Teil mit ihrem Heck an unserem Bug, so dicht gedrängt rudern die Achter in Richtung Start. Besonders der Schlagmann von Nr. 222 hat dabei die Gelegenheit, uns ausgiebig zu mustern. Ein leichtes Grinsen auf seinem Gesicht verrät seine Gedanken – die (Ulmer) werden wir uns gleich schnappen.


Start bei der Chiswick Bridge

Gleich nach dem Start schlägt der resolut-Achter bei Schlagzahl 30 etwas niedriger als zuletzt in Stuttgart, aber das Boot steht und die Mannschaft kann dauerhaft ordentlich Druck aufs Blatt bringen. Die Nr. 222 hat uns bis nach der Hammersmith Bridge immer noch nicht eingeholt. Der Streckenschiedsrichter dort fordert uns zwar auf, auszuweichen, aber Nr. 222 kommt nicht näher, beim Endspurt vergrößert sich sogar der Abstand wieder. Nach dem Rennen sagen sie "Good Race."


Bei der Barnes Railway Bridge

Vom Landteam, Susanne und Nicole, ist im Zielbereich nichts zu sehen, sie waren mit tausend Kameras beladen, um uns dort zu fotografieren – durch eine "Adventure Tour" mit Bussen und U-Bahn, die teilweise nicht fuhr, haben sie aber unseren Zieleinlauf leider verpasst. Für uns heißt es jetzt, die ganze Strecke wieder hochzurudern, um zu unserem "Heimatverein" Quintin Boat Club zu kommen. Kurz davor sehen wir einen geschrotteten Achter am Ufer liegen, der wohl Brückenberührung gehabt hat. Die Strömung an der Brücke hatte aber da wohl gleich kurzen Prozess gemacht.

Bei Quintin angekommen ist das Ziel, den Achter schnell wieder auf den Cannstatter Hänger aufzuladen, aber zunächst fehlen Teile der Cannstatter, dann der Ulmer Mannschaft. Zum Schluss aber ist der Hänger millimetergenau beladen – wieder mit 6 Achtern.

Nach einer kleinen After-Race-Party im Quintin Boat Club, wo wir als letzte ausländische Mannschaft verblieben waren, geht's wieder mit dem Bus zurück nach Hammersmith zu einem außerplanmäßigen Klohalt und mit der District Line der U-Bahn nach West Kensington zum Hotel.

Dort erfahren wir aus dem Internet unser Ergebnis: Platz 223 mit 19:27:81 Minuten. Das Ziel war: Startplatz 221 halten, also fast genau eine Punktlandung. Danach kam fast die schwierigste Unternehmung: am Samstag Abend in der Londoner Innenstadt ein Restaurant zu finden, das genügend Platz für alle bietet und das auch allen zusagt – ein japanisches Restaurant unweit vom Trafalgar Square.


Der Leicester Square mit den großen Welturaufführungskinos

Obwohl eine kurze Nacht bevorstand durch die Umstellung auf Sommerzeit und der Abfahrtszeit des Taxis zum Flughafen Heathrow um 5 Uhr (4 Uhr Winterzeit), reichte es noch zu ein paar Farewell-Pints Fullers London Pride im Pub bei der U-Bahnstation West Kensington. Mit Rückenwind kam der BA-Flieger am Sonntag Morgen deutlich früher in Stuttgart an, dort haben wir wieder eine weitere Stunde verloren durch die Umstellung auf die MESZ – der Sonntag hatte für uns also nur 22 Stunden.

Alles in allem – ein kompaktes, hektisches Wochenende - mit der Lizenz zum Rudern. Der Platz 223 sichert uns automatisch für 2011 eine Starterlaubnis – ohne Verlosung und Altersprobleme. Diese Lizenz erwarben mit ZUL007 Steuerfrau Katharina Mandel Schlagmann Johannes Kirsten, Mike Dauser, Michael Leibinger, Frank Patzwaldt, Tobias Knörgen, Arnd Furken, Martin Grimmeiß und Bugmann Jörg Haußer.


Nach der Ankunft in Stuttgart

Info:

Ergebnisliste nach Plätzen

Ergebnisliste nach Vereinsnamen

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 30. März 2010 um 22:45 Uhr