Hiddensee-
Umrundung 2025
Von Stralsund aus einmal um die "kleine Schwester von Rügen", die autofreie Insel Hiddensee
TEXT UND FOTOS VOM HIDDENSEE-TEAM
"Coastal Rowing – Die 70-km-Herausforderung" so lautet der Titel der Beschreibung des Unterfangens auf der DRV-Homepage rudern.de. Wir haben uns vorgenommen, diese Herausforderung anzunehmen, die in Stralsund beginnt, einmal rund um die Insel Hiddensee führt und wieder am Steg des Ruderclubs Stralsund endet - wobei man die eher 75 Kilometer an einem einzigen Tag zu bewältigen hat. Und dazu noch auf der Ostsee, mit also für flussrudernde Breitensportler ungewohnten Bedingungen von Wind und Wellen.
Wir sind zu fünft (Bernd, Conny, Dounja, Sara und Verena), niemand von uns hat Erfahrungen im Küstenrudern, das Meer ist für uns Neuland. Deshalb wird es im Auto immer stiller, je näher wir der alten Hansestadt kommen. Jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt und der Frage: Ob dieser Ruderausflug nicht vielleicht doch eine Schnapsidee ist und ob die eigene Kondition für ein solches Unterfangen ausreicht.
Doch es gibt kein Zurück: Der Deutsche Ruderverband hat extra für die Hiddensee-Umrundung einen Coastal-Vierer (mit Steuerplatz) beim Ruderclub in Stralsund stationiert, den man mieten kann. Das haben wir getan. Vorsorglich für zwei Tage, um uns ans Material und die Bedingungen gewöhnen zu können, außerdem muss das Wetter ja passen. Und: In Stralsund stößt Sina zu uns, die natürlich Coastal-Fachfrau ist und die Umrundung schon mal absolviert hat.
Der Anblick des Bootes, das uns der Stralsunder Ruderwart zeigt, ist deutlich anders als unsere URCD-Gig-Boote: Der Bug ist noch normal, doch dann wird das Boot sehr breit und sehr flach, die Bordwand reicht fast bis zu den Dollen. Und das Heck ist offen, damit das Wasser – das durch die Wellen ins Boot geschwappt wird – ungehindert wieder rausfließen kann. Zudem ist der "Seeadler" richtig schwer: An ein Tragen von Hand ist nicht zu denken, das Ding wird über einen Bootswagen bewegt und auch zu Wasser gelassen.
Sichtlich ist der "Seeadler" schon länger nicht mehr über die Ostseewellen geflogen, also unterziehen wir ihn erst mal einer gründlichen Reinigung und schauen, ob alles funktioniert und an seinem Platz ist. Eine ziemlich ausgeschlagene Rollschiene ersetzt der Bootswart auf unsere Bitte anstandslos. Überhaupt sind die Stralsunder Ruderfreunde sehr nett, sie geben uns auch Quartier im Dachgeschoss ihres Vereinshauses.
Am nächsten Tag ist der Wind noch stark für eine Hiddensee-Umrundung. Aber eine erste Test-Ausfahrt wagen wir. Rein in die Wellen, raus aus dem Strelasund und Kurs Richtung Norden, gegen die Wellen, zur Ostsee. Erst mal kämpft jeder für sich: mit dem ungewohnten Boot, dem Gewackel, man muss die Skulls auch gut festhalten, damit sie einem nicht aus den Händen gerissen werden von den Wellen. Doch es macht schnell Spaß, der gemeinsame Rhythmus findet sich. Die Weite ist schön.
Dann die erste Landung nach etwa 15 Kilometern, bei Barhöft, ganz im Norden des Festlands. Steuerfrau Sina feuert uns an, mehr Tempo zu geben. Wie? Nicht langsamer werden? Aber gut: Wir tun, was die Steuerfrau will, und legen einen Zacken zu. Dann das Kommando "Ruder hoch" und wir spüren, wie wir auf den weißen Sandstrand auflaufen und sanft abgebremst werden. Wow! Das Coastal Rowing fühlt sich toll an – auch als es uns auf dem Rückweg zwei Mal gelingt, auf einer Welle ein Stück mitzureiten. Zufrieden holen wir das Boot in Stralsund wieder an Land und schauen auf die Wetter-Apps: Die versprechen ruhigeres Wetter und damit gute Bedingungen für unsere Hiddensee-Umrundung.
Am nächsten Morgen geht es tatsächlich los! Wir haben Respekt, sind aber guter Dinge – und ein prall gefüllter Packsack mit Vesper und Süßigkeiten gibt die nötige mentale Basis für unser Ruderabenteuer. Um halb acht legen wir ab. Die ersten 15 Kilometer nordwärts kennen wir ja schon. Dann weitet sich der Kubitzer Bodden, so heißt der Teil der Ostsee, der zwischen Hiddensee und Rügen liegt. Das heißt: Wir fahren an der Ostseite von Hiddensee einfach weiter nach Norden. Manchmal ist das Wasser dort ziemlich flach, selbst wenn man nicht weit von der markierten Fahrrinne unterwegs ist. Dort fahren wenige Motor- und Segelboote, ab und zu auch eine Fähre. Andere Ruderboote sind nicht in Sicht.
Auf der Fähre ist übrigens Conny: Sie und Dounja hatten schon im Vorfeld beschlossen, sich die vollen 75 Kilometer nicht anzutun, sondern sich die Strecke zu teilen. Die Fähre, die zwischen Stralsund und Hiddensee pendelt, erlaubt diese Option.
Auf der superflachen, winzigen und unbewohnten Insel Heuwiese machen wir eine kurze erste Pause. Dann kommt ganz klein der Leuchtturm Dornbusch in Norden von Hiddensee in Sicht – noch ganz schön weit weg…. also: weiterrudern….
Ein zweiter Pausenversuch – natürlich außerhalb der Fahrrinne - misslingt: Erst kommen wir in zu flaches Gewässer und sitzen auf. Aber es passiert nichts: Im nur knietiefen Wasser zieht Bernd das Boot an der Leine hinter sich her (wie beim Gassigehen), bis wieder genug Wasser unter dem Kiel ist, um weiterzurudern. Kurz darauf sind plötzlich große Steine unter Wasser und nur durch das erneute beherzte Aussteigen von Bernd und dann auch Sara auf die glitschigen Brocken, um den "Seeadler" abzuhalten, ist die kritische Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen. Allerdings ist das Steuerblatt durch eine unsanfte Berührung mit einem Stein etwas verbogen. Doch wir sind manövrierfähig und können weitermachen. Mit jedem Ruderschlag kehrt die Sicherheit Stück für Stück zurück.
Der Leuchtturm kommt näher, ist irgendwann auf gleicher Höhe mit uns – und dann kommt endlich die Nordspitze von Hiddensee in Sicht: die Steilküste Dornbuschkliff, die wir mit gebührendem Abstand umrunden. Jetzt sind wir wirklich auf der Ostsee, spürbar an mehr Wind und Wellen. An der Westküste der Insel rudern wir südwärts, Schlag für Schlag für Schlag für Schlag…
Nach etwa 40 Ruderkilometern landen wir gegen 14 Uhr am Sandstrand von Vitte an. Eine Pause ist jetzt hochwillkommen. Außerdem wartet dort ja Conny. Zu sechst machen uns im Sonnenschein über unseren Proviant her, strecken uns im warmen Sand gemütlich aus, entspannen die schon etwas müde gewordenen Glieder. Unsere ziemlich nass gewordenen Bootsretter haben endlich die Möglichkeit, sich umzuziehen. Der "Seeadler" mit den zum Trocknen drübergelegten Kleidungsstücken wirkt am Badestrand etwas fremdartig, manche Badegäste schauen ihn sich neugierig an. Wir genießen die Pause.
Aber vor uns liegen ja weitere 35 Kilometer. Also packen wir nach einer knappen Stunde wieder zusammen und machen uns startklar. Dounja verabschiedet sich in Richtung Fähre, Conny fährt ab jetzt mit. Es ist mittlerweile fast schon Gewohnheit, dass man beim Küstenrudern nasse Füße hat. Weil man das Boot rausschieben muss, ehe man sich hineinsetzen kann. Geschenkt.
Statt dem erhofften Rückenwind arbeiten wir uns bei stetigem Seitenwind von Steuerbord Richtung Süden. Mit der Zeit wird es zäh. Wir kommen am niedrigen Leuchtturm Gellen vorbei, kurz darauf hört der bewaldete Teil der Insel auf – aber damit ist die Südspitze von Hiddensee noch lange nicht erreicht. Diese Insel wird länger und länger.
Als irgendwann doch die flache Südspitze Hiddensees umrundet ist, machen wir einen letzten Wechsel auf dem Steuerplatz. Jetzt geht es auf den letzten 15 Kilometern zurück nach Stralsund. Um kurz nach 19 Uhr - also nach zehn Stunden reiner Ruderzeit - erreichen wir den Steg des Ruderclubs. Der Ruderwart ist damit einverstanden, dass wir den "Seeadler" erst man nächsten Morgen, dafür aber gründlich putzen wollen.
Wir sind platt, aber auch megastolz, dass wir die Herausforderung bewältigt haben! Und das Gefühl beim Sitzen, dass alles schwankt wie bei Wellengang, lässt am nächsten Tag erst nach.